Kirchengeschichtliche Marksteine

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Von Josef Altermatt, Chronist & Andreas Schneitter, Pfarrer

Bis etwa 1850 ist Langendorf fast ausschliesslich katholischer Konfession. Aus frühester Zeit sind kaum Einzelheiten bekannt. Das Gebiet der heutigen Gemeinden Langendorf, Oberdorf und Bellach wird bei der Gründung des St. Ursen-Münsters um das Jahr 740 dem Seelsorgekreis des Stiftspropstes einverleibt; dessen Stellvertreter, ein "Leutpriester", übernimmt von der Oberdörfer Kapelle aus die pastoralen Betreuung.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts überlässt das "köngliche Stift St. Ursus und Viktor" seine Gerichtsherrlichkeit der aufstrebenden Stadt Solothurn; sofort bekommen die Bewohner von Langendorf, Oberdorf und Bellach die Nachteile dieses Herrschaftswechsels zu spüren. Aber auch wenn sie nun in weltlicher Hinsicht nicht mehr dem St. Ursen-Stift unterstehen, so bleiben sie doch seelsorglich mit ihm verbunden. 1513 wird der Gerichtssitz von Langendorf nach Oberdorf verlegt - die Wallfahrtskirche zu Unserer Lieben Frau (1503-1510 neu gebaut) gewinnt rasch an Bedeutung und Einfluss. Die Bauernunruhen in der Reformationszeit haben denn auch zur Folge, das sich die Langendörfer und Bellacher im Sinne der selbstbewussten Städter mit dem Kirchweg nach Oberdorf abfinden müssen. Die innerkirchlichen Neuerungen des Konzils von Trient bringen für Oberdorf ein Anwachsen der Walfahrtsbewegung; 1608 nimmt der Pfarrer ständigen Wohnsitz in Oberdorf.

Während des 17. und 18. Jahrhunderts bleibt dessen kirchliche Dominanz über Langendorf bestehen; auch die hiesige Jugend geht in Oberdorf zu Schule, deren Förderer in erster Linie die Pfarrer sind. Der Geist der Kulturkampf-Zeit wendet sich dann aber gegen alles, was die Schule mit der Kirche verbindet.

Zählt man in Langendorf um 1850 nur vereinzelte Reformierte, so sind es um 1880 als Folge der raschen Industrialisierung bereits 150; diese orientieren sich kirchlich gesehen stadtwärts, nach dem 1835 in Solothurn das erste reformierte Gotteshaus der Gegen d erbaut worden ist. Für die Langendörfer Katholiken (um 1850 sind es 430) bleibt Oberdorf weiterhin Mutterpfarrei.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg ergreifen - auf beiden Seiten - Laiengruppen die Initiative zu einem dorfeigenen Kirchenbau; die Zahlen von katholischen und reformierten Christen haben sich inzwischen ziemlich ausgeglichen. Anfangs der 60er Jahre taucht der Gedanke eines ökumenischen Kirchenbaus auf - offensichtlich als Frucht der "römischen Öffnung" durch Papst Johannes XXIII. und die Konzilsbeschlüsse.

Abschliessend sind einige wichtige Stationen auf dem Weg zum konfessionellen Miteinander beispielhaft festgehalten.



Aus der Geschichte des reformierten Pfarrkreises

Kreuz und Abendmahlstisch mit Bibel in der ref. Kirche

1949
27. Mai: Gründung des "Reformierten Gemeindevereins Langendorf", der sich für die Anliegen der reformeirten Dorfbevölkerung einsetzt; so wird ab Herbst 1949 ein monatlicher Gottsdienst im Kasinosaal der Uhrenfabrik, ab 1950 in der Aula des neuerstellten Bezirksschulhauses abgehalten.

1952
beschliesst die Kirchgemeindeversammlung einen Landkauf von 36a in der "Gründern" für eigene kirchliche Gebäude.

1955
Bewilligung einer eigenen Pfarrstelle für Langendorf; erster Pfarrer wird Alfred Sigrist.

1960
28. Januar: Antrag der Baukommission der Kirchgemeinde Solothurn zum Bau eines Gemeindesaales und eines Pfarrhauses.

1961
29. Mai, kommt Theodor Gerlach als zweiter Pfarrer nach Langendorf.

1962
wird das Bauland in der "Gründern" aus ortsplanerischen Überlegungen gegen eine Parzelle in der "Stöcklimatt" abgetauscht. In den folgenden Jahren gewinnt die Ide eines gemeinsamen Kirchenbaus immer mehr an Boden.

Aus der Geschichte der katholischen Pfarrei

1938 u. 1945
bittet eine Gruppe von Männern den Dompropst Dr. Johannes Mösch um die Prüfung der Kirchenbau(platz)frage und einer eigenen Seelsorge für Langendorf.

1947
kauf der "Kultusverein" ein Grundstück an der "Stöcklimatt", danach werden"Kirchenbauverein" und "Kirchenstiftung" (29. Dezember 1951) ins Leben gerufen.

ab 1952
intensivieren die Katholiken ihre Bestrebungen zur berufung eines eigenen Seelsorgers.

1955
erhält Georg Peyer als erster Pfarrer im Dorf Einzug. Die Gottesdienste werden vorerst in Absprache mit den Reformierten in der Aula des Bezirksschulhauses gefeiert.

1958
Bau von Pfarrhaus und Pfarrsaal (als "Notkirche", 250 Sitzplätze). Zehntägiger, vom ganzen Dorf mitgetragener "Kirchenbazar", sehr erfolg- und folgenreich.

ab 1961
wächst - nach entsprechenden Vorschlägen des Ortsplaners für einen rformierten Kirchenbau in der "Stöcklimatt" statt in der "Grünern" - der Gedanken ökumenischer Zusammenarbeit.

1963
wird auf Beschluss der Pfarrei-Verantworltichen der Präsident der formierten Kirchgemeinde Solothurn zu einer Aussprache eingladen; Verhanldungsgegestände sind der Bau einers gemeinsamen Kirchturmes und die Frage einer eventuellen paritätischen Geamtplanung.

Der gemeinsame Weg

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1964
25. Februar: Erster offizieller Kontakt zwischen Verantwortlichen der beiden Konfessionen. Zur Diskussion stehen der Bau eines gemeinsamen Turmes sowie einer katholischen und einer reformierten Kirche (mit Saal und Pfarrhaus).

1965
30. Juni, erfolgt die Ausschreibung eines (gesamt-schweizerischen) Architekten-Wettbewerbes. Es melden sich 208 Interessenten.

1967
25. Februar: Jurysitzung. Das Preisgericht, bestehend aus je sechs Laien und Fachleuten, erkennt aus 125 eingereichten Projekten dem Zürcher Architekten Manuel Pauli den ersten Preis zu. Presse und Rundfunk bereichten sehr ausführlich über diesen Schritt zum ersten ökumenischen Zentrum des Landes.

1969
11. Juli: Erster Spatenstich durch die beiden Ortspfarrer und den Baukommissions-Präsidenten. Trotz strömenden Regens kommen über 400 Einwohner zu diesem denkwürdigen Ereignis. In der Folge: Baupfählung (die Kirchen ruhen wegen deslehmahltigen Untergrunds auf 156 bis zu 12 Meter langen Pfählen) und Fundationen. Ein schneereicher Winter unterbricht die Bauarbeiten bis Ende Februar 1970. Nach der Grundsteinlegung (2. Mai) folgen Montage der Wand-Elemente, Bau von Turm und reformiertem Pfarrhaus sowie die Gestaltung der Kirchen-Innenräume.

1971
25. September: Glockenfest. Unter "Assistenz" der gesamten Dorfbevölkerung zieht die Schuljugend sieben Glocken in den Turm empor.

31. Oktober: Einweihung. Gemeinsame Dankfeier auf dem Kirchenplatz (Grussworte des Bischofs Dr. Anton Hänggi unter dem Motto "Damit sie eins seien", Schlüsselübergabe durch den Architekten), anschliessend Festgottesdienst in den beiden Kirchen. Die neue Begegnungstätte wird mit einem kleinen Volksfest "in Besitz genommen". Damit hat Langendorf mit seinen rund 2000 Einwohner nach langen Jahrhunderten ohne eigenes Gotteshaus mit einem Mal gleich zwei Kirchen.

(Quelle: Schnell, Künstführer Nr. 1294, München/Zürich 1981, S. 3-10.)